Ehrenamt

Interview durch den Weser-Kurier: Situation beim DFB

Herr Fecker, frühes WM-Aus, die Özil-Affäre und dann auch noch Attacken vom FC Bayern,
dass beim DFB nur noch Amateure arbeiten – es gab schon bessere Zeiten für Fußball-
Funktionäre.

Björn Fecker: Offenbar mangelt es Karl-Heinz Rummenigge an Respekt gegenüber anderen
Menschen. So abwertend, wie er den Begriff Amateur verwendet, vergisst er leider, dass in
unseren Vereinen unzählige dieser sogenannten Amateure engagiert auf und neben dem Platz
unterwegs sind. Aber abgesehen davon, kann man wirklich nicht von einer ruhigen
Sommerpause sprechen.

Hätten Sie geglaubt, dass die Krise sich soweit ausbreitet, dass sogar der DFB-Präsident
darüber stürzen kann?

Vor allem hat man in dieser aufgeheizten Debatte den Eindruck, als wäre nun alles falsch
gewesen, was in den vergangenen Jahren auch an tollen Projekten gelaufen ist.

Grindel hat am Donnerstag nach Tagen endlich sein Schweigen gebrochen. Er hat Selbstkritik
geäußert, einen Rücktritt aber ausgeschlossen. Reicht das, um das Thema zu beenden?

Erstmal ist es gut, dass er sich auch noch einmal persönlich geäußert hat und auch erklärt hat,
dass bei aller berechtigten Kritik an Mesut Özils Foto der Schutz unseres Nationalspielers vor
rassistischen Angriffen zu kurz gekommen ist. Das ist für mich auch einer der Punkte, die wir
in unserer Arbeit als BFV insgesamt noch stärker in den Fokus rücken müssen: die Opfer. Wir
beschäftigen uns mit der Prävention, sensibilisieren Menschen und verlieren dabei leicht die
Opfer aus dem Blick.

Zuletzt wurden alte Aussagen von Grindel zum Thema Integration veröffentlicht, die klar
machen, dass er von Multikulti nichts hielt. Belasten ihn diese Aussagen nicht beim Thema
Integration?

Diese Rede hat er vor 14 Jahren als Bundestagsabgeordneter gehalten. Persönlich halte ich die
Rede in der Tonalität und im Inhalt für falsch. Als DFB-Präsident erlebe ich ihn als
Unterstützer für die Themen im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung.

Wie verfolgen Sie als Präsident des Bremer Fußball-Verbandes die Debatte um Integration
und Rassismus im Fußball?

Unser Land ist ohnehin schon sehr aufgewühlt. Mir fehlt es an der Differenzierung. Die
Debatte aber hat immerhin dafür gesorgt, dass wir uns einerseits noch mal detailliert damit
befassen, was uns verbindet und uns andererseits mit Diskriminierung und Rassismus
auseinandersetzen und vieles hinterfragen. Viele, auch ich, dachten, dass wir da im positiven
Sinne weiter wären. Es sind jetzt weniger Neonazis, sondern mehr der Alltagsrassismus, der
offensichtlich vielen Menschen zu schaffen macht.

Willi Lemke hat sich sehr dagegen gewehrt, dass Deutschland ein rassistisches Land ist. In
diese Richtung zielte ja die Abrechnung von Mesut Özil.

Ich glaube, wir müssen jetzt mal weg von der Özil-Debatte und hin zu der Kernfrage, wie wir
Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber auftreten. Dass wir allen Ernstes darüber
diskutieren, ob jemand die deutsche Nationalhymne mitsingt, ist ein Beleg dafür. Von
Menschen mit Migrationshintergrund, die den deutschen Pass haben, fordern einige immer

wieder ein Bekenntnis zu unserem Land. Was kann aber mehr Bekenntnis sein, als die
deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen? Ich glaube, dass sich viele Menschen gar nicht
vorstellen können, wie es ist, Wurzeln in anderen Ländern zu haben. Das ist aber eine
Lebensrealität in Deutschland. Und diesen Menschen müssen wir auch zuhören, um sie zu
verstehen.

Nimmt die Integrationsarbeit im Bremer Fußball Schaden?

Nein, aber die Leistung unserer Vereine wird um so deutlicher. Wenn ich sehe, wie viele
Leute sich hier engagieren, ist das einfach ein gutes Zeichen. Ich kann Ihnen das mal anhand
von Zahlen verdeutlichen. Wir hatten im Jahr 2015 insgesamt 655 ausländische Menschen,
die älter als zehn Jahre sind, keinen deutschen Pass haben und erstmals in einem deutschen
Verein Fußball gespielt haben. Da ist der syrische Flüchtling dabei, aber auch der spanische
Austauschstudent. 2016 waren es schon 912, 2017 dann 626 Menschen. Mal zum Vergleich:
Früher waren es im Schnitt 150 Menschen. Und Kinder unter zehn Jahren werden durch das
FIFA-System gar nicht erfasst, da kommen also noch mal einige Menschen dazu. Das zeigt
die enorme Integrationsleistung im Bremer Fußball. Und zwar ohne nennenswerte staatliche
Unterstützung. Es war übrigens der DFB, der jedem Verein, der sich in der Integrationsarbeit
eingesetzt hat, unbürokratisch 500 Euro überwiesen hat und für weitergehende Projekte auch
noch einmal Geld bereitgestellt hat. Wir in Bremen haben gemeinsam mit dem SV Werder
gerade erst Anfang des Jahres 10.000 EUR an engagierte Vereine im Rahmen unseres
Integrationspreises ausgeschüttet. Nicht zu vergessen: Das alles vor Ort in den Vereinen
leisten ja nicht bezahlte pädagogische Fachkräfte sondern ehrenamtliche Vereinstrainer und
Jugendleiter. Natürlich läuft nicht alles rund und natürlich gibt es auch in der täglichen Arbeit
Rückschläge. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Ehrenamtlichen, die sich um Kinder
unabhängig von Herkunft und finanzieller Lage kümmern, jetzt durch die aktuelle Diskussion
nicht in ihrer Arbeit entmutigen lassen. Vielleicht hilft diese Debatte wenigstens deren Arbeit
stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken und ihnen die hochverdiente Anerkennung
zukommen zu lassen.

Wie steht es um das Thema Rassismus im Bremer Fußball?

Zu behaupten, dass es das Thema nicht gäbe, wäre töricht und falsch. Ich glaube schon, dass
es immer mal fremdenfeindliche Äußerungen gibt. Sie sind aber nicht so in der Masse
erkennbar, dass wir sagen würden, wir hätten ein gravierendes Rassismus-Problem. Aber wir
hatten beispielsweise auch schon eine Spielunterbrechung wegen rassistischer Äußerungen
einer Zuschauerin und das Thema kommt immer wieder auf.

Wo fängt denn Rassismus an? Ist es rassistisch, wenn es auf dem Platz & „Scheiß Türke“ heißt?
Oder kann man sagen: Ist halt Fußball, da fällt schon mal so ein Spruch?

Vielleicht müssen wir Umgang mit Sprache sensibler werden. Im Fußball-Kontext gibt es
häufiger Aussagen, die der Betreffende eigentlich nicht für fremdenfeindlich hält, aber die bei
genauerer Betrachtung doch eine fremdenfeindliche Beleidigung darstellen. Es gibt
mittlerweile mehrere Vereine, die eine Art Verhalts- und Wertekodex mit ihren Mannschaften
entwickelt haben. Das kann sicherlich Vorbild für viele sein.

Gibt es Statistiken über rassistische Vorfälle im Fußball?

Ja, die sagen für Deutschland, dass es in der Saison 2016/2017 bei 0,21 Prozent aller Spiele
diskriminierende Vorfälle gegeben hat. Ich gebe aber zu, die Statistik lässt ein Dunkelfeld zu:

Unsere Schiedsrichter ordnen das Ganze im Spielbericht ein. Um beim Beispiel „Scheiß
Türke“ zu bleiben: Der eine wird dies nur als Rote Karte eintragen, der andere zusätzlich zur
Roten Karte noch den entsprechenden Haken für Diskriminierung im Spielbericht setzen. Da
müssen wir sensibilisieren.

Was tut der Fußball gegen Rassismus?

Ich glaube, dass es in Bremen kaum eine Mannschaft gibt, bei der nicht wenigstens ein
Spieler mit Migrationshintergrund dabei ist. Insofern ist das tägliche Wirken schon ein Kampf
gegen den Rassismus. Wir Fußballer reden halt auch nicht immer so viel über Integration, wir
machen einfach. Aber wir müssen auch da, wo es notwendig ist eine klare Haltung vermitteln
und uns gegen Rassismus deutlich zur Wehr setzen. Das darf auch keine Frage der politischen
Einstellung sein. Basis unseres Zusammenlebens ist das Grundgesetz, das ist in diesen Fragen
eindeutig.

 

Das Interview wurde durch den Weser-Kurier durchgeführt.

 

Antworten