Medienberichte

Weser-Kurier: „Da ist man schon erstaunt und erschüttert“

Björn Fecker, Präsident des Bremer Fußballverbandes (BFV), erzählt im Interview über den Zustand des Bremer Amateurfußballs und Pöbeleien im Internet.

Gegen Ende des vergangenen Jahres sorgte die Bremen-Liga für negative Schlagzeilen: Zunächst kam es zwischen Brinkum und Vatan zum ersten nicht witterungsbedingten Spielabbruch der Ligageschichte, dann die Turbulenzen um den Bremer SV und schließlich noch eine kurze Krise beim BSC Hastedt, begleitet von Rassismus-Vorwürfen. Was sagt die Hinrunde über den Zustand des Bremer Fußballs aus?

Es war in der Tat eine turbulente Schlussphase. Der Spielabbruch wurde ja nun durch die unabhängige Sportgerichtsbarkeit aufgearbeitet. Bei den vereinsinternen Entscheidungen bleibt einem aber nur die Rolle des Kopf schüttelnden Beobachters.

Gerade erst hat das Verbandsgericht die Wiederholung der Partie zwischen Brinkum und Vatan angeordnet. Was meinen Sie zu diesem Urteil?

Es gilt, die richterliche Unabhängigkeit zu bewahren. Wir werten diese Urteile natürlich aus und setzen sie um. Es steht uns aber nicht zu, sie in der Öffentlichkeit zu ­bewerten.

Beinahe reflexartig wurde in den anderen Situationen gefragt, warum der Verband nicht handelt. Waren Sie damals tatsächlich nur in der Rolle des Beobachters?

Der Hinweis sei gestattet: Es handelt sich bei jedem Verein um eine eigenständige juristische Person, die nicht von uns gesteuert wird. Das gab es früher in der DDR, aber das gibt es nicht bei uns. Grundsätzlich gilt: Bei allen Vorfällen, die keinen unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Zusammenhang zum Spiel haben, haben wir rechtlich kaum eine Möglichkeit. Am Ende des Tages würde ich aber lieber in die Zukunft blicken und den Schwerpunkt darauf richten, wie man derartige Sachen verhindern kann.

Sie denken an Prävention von Gewalt?

Auch. Die Frage von Gewalt auf dem Fußballplatz stellt sich ebenso wie der Umgang mit Rassismus. Da müssen wir alle, also Trainer, Spieler, Schiedsrichter und Vereinsoffizielle, besser befähigen, mit der konkreten Situation umzugehen, dies zu verhindern und deeskalierend einzuwirken.

Was heißt das konkret?

Das heißt, dass wir uns in verschiedenen Bereichen zeitnah besser aufstellen werden. Beginnend bei einem Angebot für diese Personen bis zu denjenigen, die über die Stränge geschlagen haben. Warum sollen wir nicht jemanden, der einen Teil seiner Sperre verbüßt hat, wieder integrieren, wenn er durch spezielle Kurse gelernt hat, sich und seine Aggressionen besser im Griff zu haben? Und schlussendlich: Wenn ein Verein sagt, wir haben hier eine problematische Mannschaft, dann muss er salopp gesagt jemanden rufen können, der mit dieser Mannschaft arbeitet und sie womöglich länger begleitet.

Das alles setzt einen gewissen finanziellen Aufwand voraus. Verfügt der BFV darüber?

Aus- und Fortbildung sind als Kernaufgaben in der Satzung des Verbandes ebenso wie die Gewaltprävention verankert. Wir werden also Geld in die Hand nehmen müssen und dann genau schauen, was wir allein tragen und wo es eine Mischfinanzierung zwischen denen, die diese Angebote in Anspruch nehmen, und dem Verband geben muss.

Dann ist der Verband also nicht so machtlos, wie es manchmal scheint?

Wenn jemand auf dem Fußballplatz ausrastet, werden wir das mit den uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen nie komplett verhindern können.

Sie wirkten damals persönlich betroffen. Wie denken Sie heute darüber?

Gelegentlich fühlt man sich ungerechtfertigt beschuldigt. Das gilt nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die vielen Ehrenamtler im Verband. Da sind alle guten Willens, das Beste zu geben und den Vereinen und Aktiven ein vernünftiges Angebot zu unterbreiten. Da ist man schon erstaunt bis erschüttert darüber, wie abwertend manche Leute mit diesem verantwortungsvollen Engagement umgehen.

Dabei stehen Sie als BFV-Präsident und auch als Mitglied der Bürgerschaft in der Öffentlichkeit. Kann Sie wirklich noch jeder Kommentar im Internet schocken?

Wenn ich als Abgeordneter von Reichsbürgern, Identitären oder sonstigen rechten Spinnern in den Kommentarspalten der Medien beschimpft werde, motiviert mich das eher. Im Sport würde ich erwarten, dass wir alle respektvoller miteinander umgehen. Auch wenn dem nicht alle folgen werden, sollten wir den Anspruch nicht aufgeben.

Soziale Medien werden gerade von jungen Schiedsrichtern und Funktionären genutzt – also Menschen, denen Sie klar machen müssen, dass ehrenamtliches Engagement eine sinnvolle Sache ist. Ist das Internet mit seinen respektlosen, oft verletzenden Kommentaren nicht längst ein Teil des Problems?

Im Kern ist das doch ein gesellschaftlicher Prozess. Da wird ohne Kenntnis des Sachverhalts oder der Rechtslage munter drauflos gepöbelt und Dreck ausgeschüttet. Da kann man sich schon fragen, ob man das wirklich braucht. Das gilt nicht nur für mich, sondern vor allem für die vielen Ehrenamtler im Verband und auch in den Vereinen. Wir machen bestimmt nicht alles richtig, geben aber alle unsere Bestes.

Sie sind auch Vizepräsident des Norddeutschen Fußballverbandes und Vorstandsmitglied des DFB. Wie wurde Bremen in den vergangenen Monaten überregional wahrgenommen?

Die Trainerentlassung beim Bremer SV nach einem ziemlich deutlichen Sieg und unangefochtener Tabellenführung ist bundesweit in der Fußballlandschaft wahrgenommen worden. Der überregionale Fokus liegt auf solchen Sachen aber nicht. Es gibt da ganz andere Schlagzeilen.

Etwa die Aufteilung eines Bundesligaspieltags über vier Tage und die massiven Proteste dagegen. Sie haben die Partie zwischen Werder und dem 1. FC Köln gerade auf Facebook mit einem lakonischen Kommentar bedacht. Überzeugt sind Sie also nicht?

Als Fußballfan kann ich mich mit einem Spiel am Montag nicht anfreunden. Das ist nicht nur für die Auswärtsfans blöd, denken Sie allein an das riesige Einzugsgebiet von Werder Bremen und die vielen jugendlichen Fans. Die müssen alle auch noch nach Hause nach dem Spiel. Als Vertreter des Amateurfußballs sage ich aber auch sehr deutlich: Eine Belastung des Amateurfußballs durch weitere Sonntagsspiele geht nicht.

Ist das einer dieser Punkte, wo sich Profi- und Amateurfußball immer weiter voreinander entfernen?

Der Profifußball steht am Scheideweg. Er muss jetzt sehr genau überlegen, ob die Maßnahmen zur Maximierung der Einnahmen nicht einhergehen mit einem Verlust der Identifikation. Man muss nicht alles richtig finden, was von Fangruppierungen an Kritik geäußert wird. Aber die Sorge, dass die Identifikation mit dem Fußball verloren geht, wenn Spieler ihre Vereine wie Unterhemden wechseln und für astronomische Summen den Verein wechseln, die ist doch gerechtfertigt.

Diese Sorge betrifft dann eben auch die Ausdehnung eines Bundesligaspieltages auf vier Tage, die am Ende in erster Linie den Verwertern der TV-Rechte zugute kommt.

Vor allem muss dann die Argumentation logisch und nachvollziehbar sein: Wenn man die Euro-League-Starter entlasten will, dann kann man diesem Argument ja vielleicht folgen. Werder und Köln spielen aber gar nicht international, müssen aber trotzdem montags ran. Zugleich sagt der Geschäftsführer der DFL: Diese Montagsspiele haben keine nennenswerten Auswirkungen auf den Erlös aus den Fernsehrechten. Warum machen wir es dann, und vor allem warum machen wir es, wenn die meisten deutschen Teams schon nicht mehr europäisch spielen? Ich kann das niemandem erklären.

Auch das „Marketing“ der Bremen-Liga hatte sich im Sommer verändert, mit einem Namenssponsor und der Liveübertragung im Internet. Wie beurteilen Sie dies, nachdem nun ein paar Monate vergangen sind?

Wir haben mit der Firma Stark einen guten Partner und damit eine Möglichkeit gefunden, die Vereine finanziell zu unterstützen. Das wird überall gern mitgenommen. Was die Kameras betrifft, sind einige im Einsatz und weitere Standorte sind in Vorbereitung. Zudem werden Landes- und Bezirksliga gerade abgefragt. Ich glaube, dass sich das durchsetzen wird, weil die Chancen relativ gut sind, den Amateurfußball darzustellen.

Ein Schritt in die richtige Richtung?

Wir wollen jetzt auch nicht die Diskussion aus dem Profifußball in den Amateurbereich übertragen.

Ein gewisses Spannungsfeld ergibt sich doch schon: Auf der einen Seite attestiert man dem Profifußball, er würde sich angesichts seiner zunehmenden Kommerzialisierung immer weiter von den Amateuren entfernen. Auf der anderen Seite scheinen auch die Amateurvereine auf eine gewisse Kommerzialisierung angewiesen, weil ihnen das Geld fehlt.

Aber es geht um ganz andere Dimensionen. Wir schauen, wo wir Sachen machen können, die den Vereinen helfen. Der Fußball besteht halt nicht nur aus der Bundesliga, und das versuchen wir darzustellen. Durch die Liveübertragung unseres Lotto-Pokalfinales haben erstmalig Amateurkicker die Chance, bundesweit im TV aufzutreten. Wir kriegen dafür kein Fernsehgeld, sondern haben noch erhöhte Kosten und keine freie Terminwahl. Wir machen es trotzdem, weil es eine tolle Werbung für die Vereine und den Wettbewerb ist.

Auf bessere Vermarktung muss nicht automatisch die Kommerzialisierung folgen?

Dafür sind weder die Vereine noch wir als Verband aufgestellt. Aber machen wir uns nichts vor: Man wird immer nach Lösungen suchen, und wenn eine bessere Darstellung des Amateurfußballs dazu beiträgt, ist das auch in Ordnung. Früher haben die beiden beteiligten Mannschaften, ein Journalist und ungefähr 50 Zuschauer mitgekriegt, dass es ein Pokalfinale gibt. Heute sind Millionen vor dem Fernseher und mindestens 1500 Zuschauer vor Ort. Das steigert insgesamt das Ansehen und den Wert des Amateurfußballs. Ich kann aber alle beruhigen, Helene Fischer wird nicht beim nächsten Lotto-Pokal-Finale auftreten . . .

Das Gespräch führte Stefan Freye.
Autor: Frank Hethey
Der Link zum Medienbericht des Weser-Kuriers.

 

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